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Ausstellung Fremde


18. Juni 2021

Vier Künstlerinnen und Künstler treffen sich im Meißener Klosterhof St. Afra auf der Suche nach dem Fremden – sie finden es je auf ihre Art. Manchmal ist es ganz nah – und verweist auf ein größeres Ganzes.

Von Andreas Roth

Eine Künstlerin, in deren Wohnung das Fremde eines Tages einzog. Eine Dichterin, die es plötzlich auf dem Foto ihres Großvaters entdeckte. Ein Maler, der das Fremde in seinen Bildern umkreist. Ein Poet, dem es in seinem Spiegel entgegenblickt. Diese Vier treffen sich an einem Ort, der über Jahrhunderte genug Fremdheit in sich angesammelt hat: im Meißener Klosterhof St. Afra, ehemals Chorherrenstift, Fürsten-, SED-, Bauern-Schule und Evangelische Akademie.

»In der Corona-Pandemie entdecken wir, dass es Dinge gibt, die wir nicht sehen und die uns fremd sind – und trotzdem unser Leben verändern«, sagt die Meißener Künstlerin Else Gold. So wie die Amöben, diese winzigen Einzeller, die im Wasser leben und krank machen können und ihre Gestalt ständig ändern. Else Gold hat sie aus Porzellanresten geformt. Glatt und unheimlich.

Else Gold steht in einem vom Kreuzgang des St. Afra-Klosters abzweigenden Nebenraum, es riecht nach Farbe. Für diese »Künstler*innen­woche« der Evangelischen Akademie Sachsen ist hier ihr Atelier. Das Thema: die Fremde. Oder das Fremde. Es ist eine Geburt des Corona-Jahres. Als der Mann der Künstlerin schwer krank zuhause lag und unversehens medizinische Maschinen und fremde Menschen in ihr Haus einzogen. »Und die Endlichkeit des Lebens. Eigentlich war alles gleich«, sagt sie, »aber auf einmal war alles anders.« Nachdenklich wiegt Else Gold das Skelett eines Lampenschirms in den Händen. Irgendwas wird mit ihm in dieser Woche geschehen – aber was? »Wie ein unbekanntes Wesen aus der Tiefsee sieht es aus«, überlegt sie. Das Vertraute verwandelt sich in diesem Blick in etwas Fremdes. Aber auch in etwas Faszinierendes. »So wie das Göttliche«, sagt Else Gold. »Es ist in seiner Fremdheit dann nicht mehr so einfach. Da wird man auch nicht fertig damit.«

Der oder das oder die Fremde: ist das nicht auch Gott selbst? So überlegt Kerstin Schimmel, die mit Else Gold die Idee zu dieser »Künst­ler*innenwoche« hatte. Seit gut 20 Jahren schon lädt die Studienleiterin für Kultur an der Evangelischen Akademie Sachsen dazu ein. »Überall schimmert hier im Klosterhof Kunst durch«, das war die Ursprungsidee. »Es ist nichts verloren. Und wir möchten heutigen Künstlern die Chance geben, das fortzuführen.«

Die Schriftstellerin Undine Materni hat einen uralten Laptop mitgebracht. Gerade schreibt sie an Gedichten über Handwerkerinnen. Über eine Puppenmacherin hat sie schon einen letzten Vers auf einen ihrer vielen Zettel notiert: »Vielleicht war ja Gott auch eine Frau, wie sonst kämen die Grübchen in die Gesichter der Menschen.« Von diesem Schluss aus soll das Gedicht hinter den Klostermauern wachsen. Was für ein Luxus, sagt Undine Materni, hier nur Zeit zum Dichten zu haben. Und zum Austausch mit anderen Künstlern.

Beim Nachdenken über das Fremde muss sie an ihre Großeltern denken. Sie waren Küster, auch den Glauben hat sie von ihnen mitbekommen. Aber da war das Foto ihres Großvaters als Unteroffizier im Krieg im Osten, so kannte sie ihn nicht. »Man weiß nie alles«, sagt Undine Materni.

Sie hat ein Buch über ihre Großmutter aus handgeschöpftem Papier mit nach Meißen gebracht. »Friedas Himmelfahrt«, heißt es. Darin der 23. Psalm. »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.« Den liebt auch die Dichterin sehr. Er handelt auch von dem Fremden.

»Dass man nicht behauptet, etwas verstanden zu haben«, sagt Undine Materni, »davon lebt auch die Poesie.«

Manchmal ist das ganz Fremde auch das ganz Nahe. Der Maler Erik Buchholz zeichnet es im früheren Speisesaal des Klosters zwischen seinen Staffeleien mit Bleistift und Farbe. Drei Bögen mit drei Anfängen sind es an diesem Tag schon: drei Köpfe. »Das Fremde beginnt doch schon bei meinen eigenen Eigenschaften und Gedanken, die mir selbst fremd sind«, sagt der Geraer Maler.

Nach den schnellen Anfängen beginnt für ihn mit seinen Bildern ein langsames Zwiegespräch und Wachsen. »Ich bin auch froh über die Irrwege und Umwege dabei«, sagt Buchholz. »Es bleibt von ihnen eine Spur zurück, die im ersten Moment fremd ist – aber Schicht um Schicht ergibt sich etwas Stimmiges. Am Ende fügt es sich, ist es Fügung.« Wie im Leben.

Im alten St. Afra-Kloster kommt noch eine weitere Schicht hinzu. Sie umhüllt die Künstler selbst, fremd und mit einem ganz eigenen Geist. »In den Poren der Mauern hier sind Gebet und Gesang von Jahrhunderten hängengeblieben, die sich ganz sanft in Schwingungen niederschlagen«, davon ist der Maler überzeugt.

In der gegenüberliegenden Ecke des früheren Speisesaals des Klosters arbeitet still und in mönchischer Kargheit der Dichter und Kalligraf Silvio Colditz. Das Fremde erschließt sich der Künstler aus Waldhufen bei Görlitz beim Laufen, heute in aller Frühe erst hat er zu Fuß Meißen durchstreift. Sein kleines Notizbuch füllt sich dabei mit Versen, ersten, unfertigen.

Kalligrafie ist die Kunst des schönen Schreibens – oft von heiligen Texten. Silvio Colditz breitet auf dem alten Klosterboden einen Bogen mit einem Gedicht von Günter Eich aus: »Dem Vogelzug vertrau ich meine Verzweiflung an / Er mißt seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab.« All diese Buchstaben lässt Silvio Colditz auf seinem Blatt von einem Spalt durchzogen sein. Wie ein Bruch, der die Worte fremd macht und bricht: Verzweiflung, Ewigkeit.

Einen Fremden sehe er, sagt der Künstler leise, wenn er in den Spiegel schaue. Dann zitiert er den Philosophen Francis Bacon: »Es ist Aufgabe des Künstlers, das Geheimnis zu vertiefen.«

Die Ausstellung »Das Fremde« der »Künstler*innenwoche Meißen« ist bis zum 31. Oktober im Klosterhof St. Afra Meißen zu sehen – bei telefonischer Anmeldung unter (0 35 21) 47 06 22

Ein Film von Meißen Fernsehen über die Künstler*innenwoche ist hier zu sehen.

Für eine Woche ist ihr Atelier im Klosterhof St. Afra: (v. l.) Silvio Colditz, Else Gold, Erik Buchholz, Undine Materni mit Studienleiterin Kerstin Schimmel. © Steffen Giersch

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