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Was Sie sich dringend fragen sollten


30. November 2020

Wir fragen Sie – und Sie fragen uns. Im zweiten Teil unserer Aktion geht es um das neue Jahr

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Sie sich dringend noch fragen sollten? Nein? Macht nichts, denn das werden wir – ganz im Stile von Max Frisch – für Sie tun. In seinem zweiten Tagebuch (1966 – 1971) formulierte er zum Teil legendär gewordene Fragen zu unterschiedlichen Themenfeldern, die zum einen an ein Gegenüber gerichtet sind, zum anderen aber vor allem seine Lebensfragen darstellen: mal nachdenklich, mal humorvoll, mal provozierend oder in gelassener Weisheit der Lebensmitte kommen sie daher, lassen Schmunzeln und durchaus auch den Atem stocken. [Max Frisch. Fragebogen. Erweiterte Ausgabe, Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-47008-4, Preis: 10,00 Euro]

Da wir gerade in Zeiten von Corona Austausch und ein Miteinander brauchen, werden nun wir Ihnen jeden Monat drei Fragen stellen und uns über Ihre Antworten freuen, die wir gegebenenfalls unter Angabe von Vornamen und Ort auf unsere Website stellen werden. Umgekehrt können natürlich auch Sie uns zum jeweiligen Monatsthema maximal drei Fragen schicken.

Anfang und Ende

1. Hat der kalendarische Jahreswechsel eine tiefere Bedeutung für Sie? Welche?

2. „Von der Mehrzahl der Werke bleiben nur die Zitate übrig. Ist es dann nicht besser, von Anfang an nur die Zitate aufzuschreiben?“ [Stanisław Jerzy Lec, poln. Lyriker / Aphoristiker, 1909 – 1966]. Wie lautet Ihr Spruch für 2020?

3. Wenn Sie sich etwas wünschen dürften für 2021: Womit sollte es in diesem Jahr endlich ein Ende haben? Was soll neu anfangen?

Und die Bonusfrage zum Jahresstart: Wenn am Anfang (an welchem auch immer) das Wort steht, was steht dann am Ende?

Anfang und Ende: von Karin Anfelder, Kurort Oberwiesenthal

Wenn am Anfang das Wort steht, was steht dann am Ende?

Diese Frage ist schön gestellt. Nichtchristen, die bei dieser Frage nicht sofort an das Johannes-Evangelium denken, auch nicht an die Fortsetzung der Aussage „…und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort…“, könnten zuallererst einmal darüber nachdenken, welches Wort denn am Anfang steht.

Am Anfang von welchem Ende?

Heißt das Wort Tag, folgt die Nacht.

Heißt das Wort Geburt, steht am Ende der Tod.

Urknall ist der Anfang und die Unendlichkeit der Ausdehnung des Universums? … Kein Ende.

Oder doch ein Ende? Wieder eine Frage!

Wie bereits Kästner sagte, sind es wohl die Fragen, aus denen das, was bleibt, entsteht?

Also müsste an jedem Anfang eine Frage stehen?

Ich lehne mich zurück und versinke in der Vergangenheit meines Lebens:

Am Anfang meines bewussten Wahrnehmens sind die leuchtenden Augen meiner Mutter, meines Vaters, meiner ganzen Familie. Ich durfte einfach sein. Ohne Frage! Ich darf das noch immer, habe das nur manchmal vergessen.

Am Anfang unserer Ehe stand die Frage: Liebst du mich? Hier kenne ich das Ende noch nicht. Wir stellen uns diese Frage jedoch öfters.

Am Anfang meines Berufs stand die Frage: Was macht mich glücklich? Irgendwann einmal war dieses Glück wegen veränderter Umstände verschwunden und ich wechselte meinen Beruf. Als ich merkte, dass mich dieser Beruf doch nicht glücklich machte, habe ich das Glück des Beginns wiedergefunden; gemerkt, dass es kein Beruf, sondern eine Berufung war.

Ist es die Frage nach dem Glück, die uns Menschen zeigt, welches Schräubchen wir im Getriebe des menschlichen Miteinander sein werden?

Hat sich Gott gefragt, was er mit seinen Worten des Anfangs in Bewegung setzen würde, welches Ende kommen würde? …oder doch kein Ende?

1 Das Ende ist die Zeit unsere Instrumente zu stimmen, die im vergangenen Jahr Misstöne hinterließen.

Miteinander reden, essen, tanzen, singen, spielen, bis wir unseren Gleichklang erreicht haben.

Aus unserem Familienorchestergraben können wieder Sinfonien erklingen. Der Anfang.

2 „Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muß ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ (Max Frisch)

3 Mein Wunsch, dass das Wünschen niemals aufhört, jeder träumend in eine Zukunft schaut, die für uns Menschen lohnenswerte Ziele bereithält. Ziele wie mehr Mitgefühl, mehr Toleranz, mehr Verständnis für unsere Gegenüber.

Anfang und Ende: von Constance Lehmann, Olbernhau

1. Der kalendarische Jahreswechsel birgt für mich immer die Chance des Besinnens und des Neubeginns auf allen Ebenen des Lebens.

2. Mein Spruch für 2020: Ein ungewohntes, schwieriges Jahr mit vielen Chancen.

3. Wünsche für 2021: Angesichts der Corona-Pandemie sollen das Schüren von Ängsten ein Ende finden sowie Ermutigung und echte Hilfestellung zur Überwindung der Pandemie neu beginnen.

Bonusfrage: Wenn am Anfang das Wort ist, steht am Ende für mich die Hoffnung auf einen Anfang.

Anfang und Ende: von Karin Hanig, Dresden

1 Hat der kalendarische Jahreswechsel eine tiefere Bedeutung für Sie? Welche?

Eher weniger. Ich verzichte schon lange auf gute Vorsätze, die an ein Datum wie den  Jahresanfang gebunden sind. Es freut mich aber zu wissen, dass die Tage wieder länger werden.

2 „Von der Mehrzahl der Werke bleiben nur die Zitate übrig. Ist es dann nicht besser, von Anfang an nur die Zitate aufzuschreiben?“ [Stanisław Jerzy Lec, poln. Lyriker / Aphoristiker, 1909 – 1966]. Wie lautet Ihr Spruch für 2020?

Fürs vergangene Jahr? Es war dennoch ein Gewinn, unvorhergesehen Neues in einem gewissen Ausnahmestatus gelernt zu haben.

3 Wenn Sie sich etwas wünschen dürften für 2021: Womit sollte es in diesem Jahr endlich ein Ende haben? Was soll neu anfangen?

Ein Ende haben: den Namen Trump noch in irgendeinem politischen Zusammenhang zur Kenntnis nehmen zu müssen.

Neu anfangen: das vielversprechende und zum Erfolg führende weltweite Bekämpfen der Pandemie; eine neue Runde der Aufklärung (im erweiterten philosophischen Sinne), die wieder viel mehr Menschen die Augen für die Realität öffnet.

Und die Bonusfrage zum Jahresstart: Wenn am Anfang (an welchem auch immer) das Wort steht, was steht dann am Ende?

Die Tat – wenn das Wort menschenfreundlich war.

Anfang und Ende: von Konrad Roterberg, Senftenhütte im Barnim

Zu 1. der dringlichen Fragen:
Es ist ein sehr geeigneter Zeitpunkt, sich über das vergangene und das zukünftige Jahr erfolgreich Illusionen zu machen.

Zu 2. der dringlichen Fragen:
Folgt man S. Jerzy Lecs Vorschlag und multipliziert man diesen mit dem permanenten Zeitraffer, erhebt sich die Frage, was von der Mehrzahl der Zitate dann übrig bliebe…

Zu 3. der dringlichen Fragen:
Womit sollte es in diesem Jahr endlich ein Ende haben?
Die Geister- und Verschwörungsgeschichten geistig verarmter Mitbürger und viele andere Unsäglichkeiten, aus Platzmangel hier nicht aufzählbar
Was soll neu anfangen?
Viele Start-ups und vielleicht eine Jugend, die sich etwas intensiver mit ihrer Zukunft beschäftigt. (Die Alten haben daran kein Interesse) (und: Fröhliche Demos sind nicht gemeint)

Bonusfrage:
Faust scheint das Wort
als Anfang nicht zu mögen
Er ersetzt es durch die „That“.
Daraus folgt, dass er das „Wort“
an das Ende rückt.
Also: Am Anfang war die Tat
am Ende war das Wort.
Am Anfang war die Handlung
Am Ende die Erklärung.
(Kann peinlich werden)

Oder so:
Am Anfang stand das Wort, am Ende ein langer Satz.

Dazwischen dümpelte der Sinn.

Anfang und Ende: von Bettina Melzer, Jena

1. Hat der kalendarische Jahreswechsel eine tiefere Bedeutung für Sie? Welche?

Dieses Mal war es ein Innehalten für zwei Fragen: Wofür bin ich dankbar? Was ist mir (noch) möglich?

2. „Von der Mehrzahl der Werke bleiben nur die Zitate übrig. Ist es dann nicht besser, von Anfang an nur die Zitate aufzuschreiben?“ [Stanisław Jerzy Lec, poln. Lyriker / Aphoristiker, 1909 – 1966]. Wie lautet Ihr Spruch für 2020?

– “Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, das sich etwas ändert” (Albert Einstein)

3. Wenn Sie sich etwas wünschen dürften für 2021: Womit sollte es in diesem Jahr endlich ein Ende haben? Was soll neu anfangen?

Ich finde es schwierig Anfang und Ende zu definieren, oder gar festzulegen. Geht nicht das eine in das andere über?

Und jedem Anfang wohnt ein Ende inne und jedem Ende ein Beginn

Wenn es heißt, komm endlich zum Ende, weiß ich, dass es Zeit ist, anzufangen. Wie viel Neues, noch nie Gedachtes wartet am Wegrand oder hinter der nächsten Biegung, unsichtbar noch. Ende   meint mehr als Schluss, aus und vorbei. Es meint das Hinübergleiten in etwas noch Konturloses aus einem, dessen Konturen sich gerade auflösen. Im Gegensatz zum harten Schluss, das wie ein Knall daherkommt, sich wie eine Vollbremsung inmitten der Bewegung anfühlt, ist Ende etwas Weiches, Schwingendes. Wie Schuss & Schluss erscheinen mir Ende & Wende als Wortgeschwister. Das eine ein starres, das andere ein sehr beWEGliches Paar. Und führt nicht das Ende von etwas zurück in die Erinnerung an auf mich wartende Erfahrungen?

Das Ende  kann gar kein Ende an sich sein. Beginnt und endet es doch mit dem gleichen Buchstaben und lässt sich so endlos fortschreiben: ENDENDENDENDE. Das Ende geht aus sich selbst hervor, ein Band, das sich wellen und wenden kann, sich zum Kreis, zum Unendlichkeitszeichen schließen, ohne das es verloren geht, ohne das sein Anfang oder Ende zu erkennen wäre. Ich weiß es auch als Spirale oder Wirbel  der mich durch die Erinnerung zur Erneuerung trägt. Es kann sein, dass die Buchstaben in diesem Tanz zuweilen durcheinander geraten so dass ich nicht weiß, wie ich von einem Ende zum anderen gelange, wo genau die Anfänge liegen, wie neu das Neue ist, das mir entgegen kommt. In meinem Augenwinkeln blitzt das Wort EDEN auf. Nie lange genug, um es zu fassen. EDEN narrt mich, indem es wieder zum ENDE im Endlosen wird. Was aber wäre, wenn ein E, sagen wir das letzte im Wort, ein Erwach(s)en wäre in etwas hinein, für das es keinen Namen gibt, noch nicht.

Und die Bonusfrage zum Jahresstart: Wenn am Anfang (an welchem auch immer) das Wort steht, was steht dann am Ende?

Wenn Stille (nach Behrendt) potenzierter Klang ist, ist zum einen sie der Ort, an dem alle Wörter entstehen, zum anderen der, in den sie alle eingehen.

am ende aller

worte ganz

ohr  sein

horchen wie

alles beginnt

Anfang und Ende: von Anna-Lena Jonas

  1. Hat der kalendarische Jahreswechsel eine tiefere Bedeutung für Sie? Welche?

Er hat nicht wirklich eine tiefere Bedeutung für mich. Natürlich könnte man sagen „neues Jahr, neues Glück“, aber eigentlich geht es einfach weiter. Manchmal ist es für mich sogar schwierig, das als Zeiteinteilung zu sehen, da ich mich bei einigen Geschehnissen nur an die Aktion selber erinnere und nicht daran, ob sie vor ein, zwei oder sogar schon vor drei Jahren war. Besonders bedeutsam ist das Jahr mir eher nur bei größeren Ereignissen (z.B. das Jahr meines Schulanfangs, mein Schulabschluss, wann ich mit meinem Freund zusammengekommen bin, ein besonderer Geburtstag, mein FSJ o.ä.).

  • 2. „Von der Mehrzahl der Werke bleiben nur die Zitate übrig. Ist es dann nicht besser, von Anfang an nur die Zitate aufzuschreiben?“ [Stanisław Jerzy Lec, poln. Lyriker / Aphoristiker, 1909 – 1966]. Wie lautet Ihr Spruch für 2020?

„Erst wenn wir unvernünftige Dinge tun, tanzen, trinken oder uns verlieben, haben wir das Gefühl, dass es sich zu leben lohnt.“ [Robert Pfaller, österr. Professor für Philosophie, *1962]

Ich habe mich letzten Endes für dieses Zitat entschieden, weil es schon verrückt ist, in wen man sich so verliebt und erst recht wann. Durch die Beziehung mit meinem Freund, die fast genau mit Beginn des ersten Lockdowns begonnen hat, kann ich dem Wunsch, das Jahr 2020 so weit wie möglich aus dem Gedächtnis zu verbannen, nicht zustimmen. In gewisser Weise gehört es mit zu den schönsten Jahren meines bisherigen Lebens. Es lohnt sich zwar auch ohne die von Pfaller aufgezählten Dinge zu leben, jedoch haben wir vermutlich alle 2020 festgestellt, dass solche Dinge das Leben deutlich bereichern und es noch lohnenswerter machen.

3. Wenn Sie sich etwas wünschen dürften für 2021: Womit sollte es in diesem Jahr endlich ein Ende haben? Was soll neu anfangen?

Der erste Gedanke dazu ist sicher nicht schwer zu erraten. Es ist die ganze Sache mit Corona, dem Lockdown und allem, was damit zusammenhängt. In einem Telefonat mit einer Freundin meinte diese gestern, dass sie sogar Bowling spielen gehen würde, obwohl sie das eigentlich nicht wirklich mag, nur um mal etwas anderes zu tun und Leute zu sehen. So geht es vermutlich sehr vielen zurzeit (inklusive mir). Als zweites denke ich an die unmenschlichen Bedingungen in den Flüchtlingslagern, die mich sprachlos zurücklassen. Mein dritter Wunsch ist, dass endlich mal (mindestens) ein Jahr vergeht, in dem wir kein WG-Casting machen müssen und Stabilität in unsere WG-Besetzung kommt.

Ich weiß, die Frage war vermutlich nur auf einen Wunsch ausgelegt, aber mir kamen eben ziemlich zeitgleich bzw. nach nur sehr kurzem Überlegen diese drei Wünsche in den Kopf.

Und die Bonusfrage zum Jahresstart: Wenn am Anfang (an welchem auch immer) das Wort steht, was steht dann am Ende?

In einem Jugendbuch schreib Boris Pfeiffer den Satz: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Ist Erlösung nicht das, was uns als Christen in der Bibel versprochen wird? Und sprechen wir nicht auch im Glaubensbekenntnis „von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“? Um zu richten, muss man sich an Taten, Gedanken etc. der zu richtenden Person erinnern (ohne mir anmaßen zu wollen, zu wissen, wie genau Gott richtet). Auch wird das Ende des Lebens oft so dargestellt, dass einem in den letzten Sekunden vor dem Tod noch einmal viele Momente seines Lebens durch den Kopf gehen, man sich derer also erinnert. Vielleicht steht also am Ende die Erinnerung.

Anfang und Ende: von Michael Müller, Wolfsburg

1. Hat der kalendarische Jahreswechsel eine tiefere Bedeutung für Sie? Welche?

Die Zeit vergeht, schon wieder, ein Jahr geht zu Ende, ein Neues beginnt.

2. „Von der Mehrzahl der Werke bleiben nur die Zitate übrig. Ist es dann nicht besser, von Anfang an nur die Zitate aufzuschreiben?“ [Stanisław Jerzy Lec, poln. Lyriker / Aphoristiker, 1909 – 1966]. Wie lautet Ihr Spruch für 2020?

Weiter, Brüder und Schwestern: 
Was wahrhaftig ist, 
was ehrbar, 
was gerecht, 
was rein, 
was liebenswert, 
was einen guten Ruf hat, 
sei es eine Tugend, 
sei es ein Lob 
– darauf seid bedacht! 

3. Wenn Sie sich etwas wünschen dürften für 2021: Womit sollte es in diesem Jahr endlich ein Ende haben? Was soll neu anfangen?

Ein Ende mit Undankbarkeit & Beklagen, – neu anfangen mit Dankbarkeit

Und die Bonusfrage zum Jahresstart: Wenn am Anfang (an welchem auch immer) das Wort steht, was steht dann am Ende?

Es steht geschrieben “Am Anfang war das Wort …”, und am Ende: “Amen, komm, Herr Jesus!”

Anfang und Ende: von Dr. Olivier Elmer, Ladenburg

An Silvester und den Tagen davor schaue ich auf das zurückliegende Jahr und das, was mich in ihm bewegt hat. Auch in einem Jahr, das, wie 2020, schwere Kost bot, finde ich Ereignisse, die mein Leben reicher gemacht haben. So eine Rückschau hilft mir, die Balance zu halten und mit mehr Neugier als Angst aufs Kommende zu blicken. Der Begriff ‘zwischen den Jahren’ gefällt mir: er bedeutet Innehalten im Mahlstrom der Zeit.


Angesichts der vielen Konservativen, die sich gerade bemühen, eine ‘reaktionäre Internationale’ zu zimmern, finde ich den Ausspruch von G.B. Shaw überzeugend: ‘Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg. ‘
Meine Hoffnung für 2021 ist wenig originell: wieder mehr leibhaftige Begegnungen ohne Virus-Furcht im Nacken.


Und die Bonus-Antwort von A  Schnitzler: ‘Am Ende gilt doch nur, was wir getan und gelebt – und nicht, was wir ersehnt haben.’

Thema im Dezember: Hoffnung

1 Ahnen Sie, was andere sich von Ihnen erhoffen?

2 Können Sie sich im Hinblick auf aktuelle Problemlagen (Corona, Klima, Weltfrieden…) für irgendeinen Bereich Hoffnung machen?

3 Hoffnungen werden erfahrungsgemäß früher oder später enttäuscht – was hilft Ihnen, dennoch unbeirrt zu hoffen?

Antworten und Fragen bitte unter Angabe von Vor- und Nachnamen sowie Wohnort an panja.lange@evlks.de / kerstin.schimmel@evlks.de schicken.

Hoffnung – von Angelika Hillert

Ahnen Sie, was andere sich von Ihnen erhoffen?

Ich “hoffe”, dass ich oft erahne was andere von mir erhoffen oder wünschen. Einfühlsam auf die nächsten Mitmenschen eingehen bedeutet auch sich mit ihren Wünschen, Erwartungen und Hoffnungen zu beschäftigen. Manchmal ist es ein Spagat, Hoffnungen anderer nicht zu enttäuschen ohne dabei die eigenen Befindlichkeiten zu vernachlässigen. Das Gefühl den Hoffnungen lieber Menschen zu entsprechen ist immer ein sehr beglückendes Gefühl.

Da gibt es aber auch noch die Hoffnung der “Gesellschaft” an das Verhalten der Menschen. Da wird es schon schwieriger. Erfülle ich die Hoffnungen anderer auf mein Mittun für eine bessere, gerechtere, umweltbewusstere und sozialere Welt? Mit Sicherheit nur in sehr kleinen Bereichen. Immer wieder darüber Nachdenken lohnt sich.

Können Sie sich im Hinblick auf aktuelle Problemlagen (Corona, Klima, Weltfrieden…) für irgendeinen Bereich Hoffnung machen?

Meine Hoffnungen zu den aktuellen Problemlagen schwanken tagesaktuell. Manchmal ist es schon zum Verzweifeln, auch zum wütend werden. Ich bin aber überzeugt, dass jeder einzelne Mensch sowie die ganze Menschheit ein unglaubliches Potenzial hat, die Welt zu verändern und Missstände aufzudecken und zu beheben. Leider werden diese Reserven oft erst aktiviert, wenn die Katastrophe schon eingetroffen ist. Ich möchte auf jeden Fall hoffnungsfroh und optimistisch bleiben aber dabei nicht unkritisch. Dazu möchte ich einen Ausspruch von Vaclav Havel zitieren:

“Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht”

Hoffnungen werden erfahrungsgemäß früher oder später enttäuscht – was hilft Ihnen, dennoch unbeirrt zu hoffen?

Das Wissen und die geschichtliche Erfahrung, dass es uns Menschen trotz aller Katastrophen, die über uns gekommen sind, oder die wir selber angezettelt haben noch gibt. Ich hoffe, da steckt ein großer Plan dahinter, wir nennen ihn Gott, aber ich würde es gern weiter fassen, weil der personifizierte Gott im Himmel für mich schwer vorstellbar ist. Auch die persönliche Erfahrung, dass nach traurigen Ereignissen immer wieder Hoffnung und Freude wachsen, wenn man den Blick auf die schönen Dinge des Lebens richtet.  Das macht mich stark!

Hoffnung – von Judka Strittmatter

1 Ahnen Sie, was andere sich von Ihnen erhoffen?

Ich mag es nicht, etwas erahnen zu müssen, dabei kann man immer falsch liegen, man wohnt ja nicht im Kopf des anderen. Wer erwachsen ist, sollte kommunizieren können, viel zu oft herrscht Schweigen dort, wo Gespräche angesagt wären. Wer miteinander redet, kann Missverständnissen und Groll entgegen wirken. Ich ziehe es also vor, dass man mir direkt sagt, was man sich von mir erhofft. Nur so kann ich darauf antworten, ob ich diese Hoffnung erfüllen kann oder nicht. Und auch, ob ich sie erfüllen will, denn ich bin nicht auf der Welt, um die Hoffnung von anderen zu erfüllen. Wenn ich kann, tue ich das freilich gern, aber zunächst ist jeder selbst dafür verantwortlich, sich seine Hoffnungen erfüllen. 

2 Können Sie sich im Hinblick auf aktuelle Problemlagen (Corona, Klima, Weltfrieden…) für irgendeinen Bereich Hoffnung machen?

Ich mache mir dahingehend Hoffnung, dass nach düsteren Zeiten immer wieder auch helle kamen, und dass Krise eben immer auch Chance ist. Das glaube ich wirklich. Ich bin allerdings auch überzeugt davon, dass die Regierung die Langzeitwirkung des Corona-Lockdowns unterschätzt. 

3 Hoffnungen werden erfahrungsgemäß früher oder später enttäuscht – was hilft Ihnen, dennoch unbeirrt zu hoffen?

Ich entscheide mich immer und jeden Tag aufs Neue, Hoffnung zu haben. Die habe ich nicht per se, im Gegenteil, ich habe viele Hoffnungen im Laufe meines Lebens sterben sehen. Aber die Hoffnung ein für alle Mal aufzugeben, das hieße, sich zum Opfer zu machen, und ich will kein Opfer sein. Das Leben ist ein Geschenk und es liegt an uns, ob wir uns für aktive Mitgestaltung oder für passives Jammern entscheiden. Glücklicher macht in jedem Fall die erste Variante. 

Hoffnung – von Bruno Jordan, Berlin

  1. Ich ahne, was sie alle von mir erwarten. Und was ich genau weiß, ist, dass ich die Erwartungen nicht erfüllen kann. Und wollen kann. Ich ahne, dass ungefähr zwei Leute von mir Gedichte erhoffen. Dass ich die auch noch enttäuschen muss, ist besonders traurig.
  2. Nein. Aber mich so verhalten als ob.
  3. Vergesslichkeit.

Hoffnung – von Dr. Olivier Elmer, Ladenburg

Als die Büchse der Pandora geöffnet wurde, blieb die Hoffnung bekanntlich in ihr und konnte nicht entweichen.

Für Friedrich Nietzsche war das ein Zeichen dafür, dass die Hoffnung nur eine weitere Plage sei, weil sie die Qual der Menschen verlängere.

Aber er wollte die Hoffnung wohl doch nicht ganz fahren lassen und bezeichnet sie an anderer Stelle als „Stimulans des Lebens“!

Ich selbst glaube auch, dass andere sich von mir erhoffen, ich möge ihr Leben stimulieren, nicht behindern; als Nächster helfen, statt im Weg zu stehen; Hoffnung spenden, statt Missmut zu säen.

Zwar stelle ich mir Sisyphus – im Unterschied zum geschätzten Albert Camus – nicht unbedingt als glücklichen Menschen vor.

Doch dass Christus als der Jude Jesus den Menschen in ihrem Leiden ganz nah gekommen ist und sich solidarisch zeigt mit allen Schwachen – und meinen Schwächen! -, hilft mir, nicht aufzugeben, wenn ich mich in endlosen politischen oder gewerkschaftlichen Diskussionsrunden oder auch in Sitzungen in meinem Arbeitsbereich, dem Krankenhaus, frage, was das mühsame Zusammentragen von Puzzlesteinen zu einer besseren Welt denn soll.

Dann weiß ich um das Licht am Ende des Tunnels und um die Begleitung auch auf Wegen, deren Bewältigung meine Kraft übersteigt.

Und wenn dann noch ein menschlicher Engel meinen Weg kreuzt, weiß ich: die Hoffnung ist nicht am Boden der Pandora-Büchse, sondern in und vor mir!

Hoffnung – Antworten von Marianne Herter und Stefan Delorme, Heidelberg

Ahnen Sie, was andere sich von Ihnen erhoffen?

Täte ich dies besser als ich eben vermag, würde es mir und anderen nicht nur manches Missverständnis ersparen, sondern auch die eine oder andere Enttäuschung. Ahnen allein ist aber Tappen im Nebel. Ein  Fingerzeig vom Gegenüber würde schon helfen, wenigstens zu ahnen, ob ich in die Nähe kommen könnte, dessen Hoffnung gerecht zu werden. Aber nicht zu deutlich, sonst werde ich bockig.

Können Sie sich im Hinblick auf aktuelle Problemlagen (Corona, Klima, Weltfrieden…) für irgendeinen Bereich Hoffnung machen?

Was Corona betrifft, wage ich zu hoffen. Nicht jedoch für den Geisteszustand, der sich Wochenende für Wochenende auf den Straßen offenbart. Klima, Weltfrieden? Mit einer Solidarität, die so leicht erkauft ist, wie mit ein wenig Disziplin (Maske, Abstand…) ist es bereits Essig. Wie soll es bei Themen gehen, die einem wirklich etwas abfordern? Ja, und der Weltfrieden bleibt ein Glücksspiel. Das, was der blonde Narzisst auf der anderen Seite des Teichs freigesetzt und hoffähig gemacht hat, lässt sich ungefähr so gut einfangen, wie es leicht ist, eine Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken.

Hoffnungen werden erfahrungsgemäß früher oder später enttäuscht – was hilft Ihnen, dennoch unbeirrt zu hoffen?

Wer sagt, dass ich hoffe, und auch noch unbeirrt? Möglicherweise sind Hoffnungen nicht gezogene Lehren aus schlechten Erfahrungen. Manche nennen es Weisheit.

Illustration: Tumisu auf Pixabay

2 Kommentare zu “Was Sie sich dringend fragen sollten”

  1. Martin Schmidt schrieb am 09.01.2021 um 14:02 Uhr:
    Die HILFEVORSCHLÄGE angesichts der Pandemie verstärken die Gefahr der Vereinsamung in unserer Gesellschaft, die bereits durch die großen Wohnformen, durch Fernsehen und andere individuelle Ablenkungen stark zugenommen haben. Ihre Fragen laden zu indirektem Gespräch ein., wenn mehr Fragen gestellt werden, die zum Dialog herausfordern. Das fordert viel Zeit und Ruhe. Dafür sind viele Menschen erforderlich, die Ruhe zum ZUHÖREN finden. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim ZUHÖREN!!
  2. Hans-Christian Trepte schrieb am 02.12.2020 um 12:12 Uhr:
    1. Ich hoffe es ist mehr als nur ein bloßes Ahnen, eher doch Erwartungen, Glaube, vielleicht auch Gewissheit gerade in schweren Zeiten und Lebenssituationen für andere da zu sein, zuzuhören, tatkräftig mit Wort und Tat zu helfen. Dabei sind Zuverlässig wie Verlässlichkeit hoch einzuschätzende Werte. 2. Wir müssen in schlimmen Zeiten zuversichtlich sein, Zuspruch finden und ihn auch geben, wir müssen anderen beistehen. Die Menschheit hat viele Epidemien überstanden. Ich will an die Wissenschaft, an die tätigen Wissenschaftler und damit auch an wirksame Impfstoffe glauben. Von geradezu existentieller Bedeutung ist die Rettung unserer Erde. Die Klimakatastrophen sind offensichtlich ebenso wie die weltweite Vernichtung unserer Natur und Tierwelt. Jeder von uns trägt Verantwortung, deshalb sind bewusstes Handeln wie auch Verzicht geboten. Wichtig ist es auch den nationalistischen Populisten, den weltweit agierenden Rattenfängern Paroli zu bieten. Der Friede ist kein Geschenk, er fällt uns nicht einfach so in den Schoß, sondern er erfordert unser aller Zutun und Handeln. Ich will letztendlich auch an den Sieg von Vernunft und Empathie glauben, auch wenn das nicht immer leicht fällt. 3. Es gehört in unserem Leben dazu, dass Hoffungen enttäuschen, Vorhaben nicht realisiert und Träume nicht erfüllt werden können. C´est la vie. Wo finde ich nun Trost, "unbeirrbare" Hoffnung oder besser Zuversicht und Halt? In der Kraft der Natur, in der Musik, im gemeinsamen Gesang, bei Menschen, die mir nahe stehen, die mich stützen, auffangen, und ich finde sie auch im Glauben, in der Räumlichkeit der Kirche. Oft stelle ich mir bang die Frage, ob die Kirche als Institution, vor allem ihre verantwortlichen "obersten Hirten" (nicht nur) in der Corona-Krise wohl versagt haben. Um so wohltuender sind nicht wohltönende, weltfremde theologische Worte, sondern tatkräftiges Handeln von Vertretern einer Kirche quasi von unten. Wir brauchen gerade in diesen bedrückenden, dunklen Zeiten Ansprechpartner, wir brauchen Austausch, Trost, Beistand wie auch ein Gemeinschaftsgefühl. Nicht zuletzt auch aus diesem Grunde ein herzliches Dankeschön für die löbliche Initiative der Evanglischen Akademie Sachsen.

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